Bielefelder Tagblatt - "Tierversuche halten wirkliche Medizin auf"
Paderborn (elk).
Wer diese Bilder einmal gesehen hat, vergisst sie nicht:
Ein Äffchen, mit dem Kopf an Apparate angeschlossen, dreht sich wie irre vor Angst und Schmerz in einer kleinen Plastikbox immer im Kreis. Mäuse, die sich in Krämpfen auf dem
Boden winden. Ratten und Kaninchen, die verzweifelt versuchen, die Gitterstäbe zu zerbeißen, um ihrem Schicksal zu entkommen: Dem Tierversuch.
"Tiere können genau wie wir Freude und Angst empfinden. Es ist nicht richtig, dass wir sie als Wegwerf-Instrumente missbrauchen", erklärte Dr. Corina Gericke, Tierärztin und Mitglied der Vereinigung "Ärzte gegen Tierversuche" vor rund 60 Interessierten in der Kulturwerkstatt.
Ihr Vortrag und der anschließende Film sollten den Hintergrund zu der Protest-Aktion liefern, die die Tierrechtsinitiative Paderborn (TiPa) derzeit gegen den Versuchstierzüchter Harlan-Winkelmann in Borchen durchführt.
Im Jahr 2001 wurden allein in Deutschland 2,1 Millionen Tiere für Experimente getötet - trotz Tierschutz im Grundgesetz. Dort heißt es, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen darf. Doch die Freiheit der Forschung hat Vorrang. Auch das seit 1998 in Deutschland bestehende Verbot von Tierversuchen für Kosmetika wird häufig
umgangen. "Die Stoffe werden einfach unter dem Chemikalien-Gesetz getestet", berichtet Gericke.
Gar nicht auf den Menschen übertragbar
Die Pharmaindustrie mache ein gigantische Geschäft: 60.000 Arzneimittel seien derzeit in Deutschland auf dem Markt, obwohl laut WHO nur 235 Arzneistoffe gebraucht würden. Allein den Wirkstoff Ibuprofen gebe es in 394 verschiedenen Formen - jedes Mal im Tierversuch getestet. Dabei seien die Ergebnisse gar nicht auf den Menschen übertragbar. So sei Blausäure für Schafe gut verträglich, während Cortison bei Mäusen zu Missbildungen führe. Nicht umsonst müssten immer wieder getestete Medikamente vom Markt genommen werden, weil sie für den Menschen unverträglich seien. Eine unabhängige Untersuchung in 2001 habe ergeben, dass es allein in Deutschland 16.000 Todesfälle durch Medikamente gegeben habe, in den USA sogar 100.000.
"Krankheiten am Menschen sind viel zu komplex, um am Tier getestet zu werden", ist Gericke überzeugt. Die Hauptursachen der typischen Zivilisationskrankheiten, nämlich Rauchen, Alkohol, Stress, falsche Ernährung, mangelnde Bewegung und psychosoziale Faktoren würden nicht berücksichtigt, wenn Tiere "künstlich krank gemacht" würden.
"Tierversuche halten die wirkliche Medizin auf", glaubt die Ärztin. So sei zum Beispiel die Bypass-Operation lange hinausgezögert worden, weil sie bei Hunden nicht funktionierte. Dennoch fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft nur Versuche an Tieren - mit 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Darunter Experimente, an deren Sinn man zweifeln möchte: "Goldfischen werden beide Augen rausgenommen, um zu gucken, ob sie dann noch geradeaus schwimmen. Das hat nichts mehr mit Forschung zu tun", ärgert sich die Ärztin. Deshalb setzt sie sich für die tierversuchsfreie Forschung ein, die ihrer Meinung nach zu wesentlich zuverlässigeren
Ergebnissen führt. Neben Prävention und Patienten-Studien werde mit Computermodellen, Zellkulturen, künstlicher Haut, menschlichem Blut oder niederen Organismen wie Bakterien gearbeitet. Bislang gebe es dafür von der Bundesregierung aber gerade mal vier Millionen Euro im Jahr. Abschließend rief die Tierrechtsinitiative zur Teilnahme an der Demonstration am
kommenden Samstag um 11 Uhr vor dem Rathaus auf.
Weitere Infos: www.aerzte-gegen-tierversuche.de
Quelle: Bielefelder Tagblatt - 16. Juli 2003
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