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Die Farben beim Boxer und die Mendelschen Gesetze


   (Auszug der Facharbeit aus dem Biologie-Leistungskurs von Sabine Bauer, April 2001)


In der Boxerzucht nimmt die Zahl der zuchtfähigen Tiere immer mehr ab, da zunehmend wegen Gesundheitsproblemen selektiert werden muss. Ein Deutscher Boxer, der heute in die Zucht eingehen soll, muss auf Hüftgelenksdysplasie (HD), kongenitale Herzerkrankungen, Spondylose und Kryptorchismus untersucht werden. Außerdem muss er eine Zuchtzulassung, in der das Wesen und der Formwert geprüft wird und eine Ausdauerprüfung bestehen. Hunde, bei denen mehr als ein Drittel der Körperfarbe weiß ist, werden nicht zur Zucht zugelassen. Wie es dazu kam und ob dies heute noch sinnvoll ist, soll hier erläutert werden.

Die Zahl der Tiere, die nach dieser Auslese übrig bleibt, wird immer geringer, was sich auch in dem starken Rückgang der Teilnehmer an den Zuchttauglichkeitsprüfungen (ZTP) wiederspiegelt (1998: 663 Teilnehmer, 1999: 528 T., 2000: 467 T.) (Daten aus Zuchtbuch 1998, S.137 und Stöhler, Zuchttauglichkeitsprüfungen, Boxer-Blätter 2/2001, S.89). Dies schränkt den Genpool, der durch einen verhältnismäßig hohen Inzuchtgrad sowieso schon sehr klein ist, noch mehr ein. Durch die Einführung der Zuchtwertschätzung für HD und Kryptorchismus im Laufe des Jahres 2000 wird bereits versucht, eine übermäßige Selektion zu verhindern. Es wäre unter diesen Umständen überlegenswert, die Zuchtpopulation des Deutschen Boxers zu vergrößern, indem man gesunde weiße oder gescheckte Boxer, d.h. Hunde, bei denen die Grundfarbe durch mehr als ein Drittel Weiß verdrängt wird, mit in die Zucht nimmt. Der Einfachheit halber wird im weiteren Text nur von Weißen gesprochen werden, obwohl damit auch die Schecken gemeint sein werden.

Führt man sich vor Augen, welch eine wichtige Rolle die weißen Boxer in den Anfängen der Boxerzucht hatten (siehe z.B. die Stammmutter der Boxer), fragt man sich natürlich, wie es dazu kommen konnte, dass heute viele Menschen gar nicht wissen, dass sie überhaupt existieren.

   Der Chronik des Boxer-Klubs e.V. Sitz München (BK) ist zu entnehmen, dass auf der Hauptversammlung (HVS) Anfang 1927 beschlossen wurde, schwarze und weiße Scheckenboxer, deren Grundfarbe als Weiß zu bezeichnen ist, nicht mehr einzutragen. (Stockmann, Chronik des BK, BB 5/95, S. 448)

   1934 aber wurde dieser Beschluss zurückgenommen, nachdem Frau Stockmann, die die Boxerzucht mit ihrem Zwinger entscheidend beeinflusst hat, sich vehement für die Schecken eingesetzt hatte? (Räber, Enzyklopädie der Rassehunde, 1993, S.415). 1933 schrieb sie in den Boxer-Blättern, dass Typ und gesundes Gebäude wichtiger seien als die Farbe, und über den Begriff Schönheit lasse sich ohnehin streiten. (Räber, S.415) Auch andere Boxer-Liebhaber waren dieser Ansicht, so dass 1936 jemand in den Boxer-Blättern schrieb: Der Farbenfimmel hat unserem Boxer im Laufe der Zeit bestimmt geschadet. Die Farbe des Boxers ist und bleibt Geschmackssache,.. (zitiert in Räber, S.415)

Dies verhinderte aber nicht, dass 1937 auf der HVS in München die Zahl der Scheckenboxer, die in einem Wurf aufgezogen werden dürfen, [...] eingeschränkt wurde (Stockmann, Chronik..., S.461).

Anfang 1939 wurde die Reichsfachgruppe Deutsches Hundewesen zum selbstständigen Reichsverband erhoben. Damit war sie fortan dem Oberkommando des Heeres unterstellt. Dies führte dazu, dass Scheckenboxer verboten wurden. Am 1.Juli 1941 wurde dies noch ausgeweitet, indem Scheckenboxer sowie schwarze und weiße Welpen sofort nach der Geburt zu töten sind (Stockmann, Chronik, S.465). Weiß oder Gescheckt ist nun einmal keine gute Tarnfarbe für einen Militärhund. Die Schwarzen wurden aus der Zucht genommen, weil sie von einem Schnauzer abstammten. Damit vertrat der Boxer-Klub den Standpunkt, dass die schwarze Farbe artfremd sei und von daher nicht anerkannt werden könne.(Stockmann, Ein Leben mit Boxern, 1987, S.126)

Diese Bestimmung wurde nicht mehr geändert, bis Ende der 70er Jahre das neue Tierschutzgesetz herauskam, welches unter anderem besagt, dass keine Wirbeltiere ohne triftigen Grund getötet werden dürfen. Der Boxer-Klub versuchte noch gegen dieses Gesetz anzugehen, indem er von Prof. Dr. Wegner (Tierärztliche Hochschule Hannover) ein Gutachten darüber einholte, ob es aus genetischen und medizinischen Gründen vertretbar sei, dass Hundezüchtern geboten wird, weiße Boxerwelpen zu töten (Wegner, Kleine Kynologie, 1995, S.273). Prof.Dr. Wegner antwortete aber, dass er das Töten von Welpen aus rein farbformalistischen Erwägungen verurteile. Die Weißscheckung beim Boxer sei mit keinen offensichtlichen Missbildungen verknüpft (Wegner, S.274).

Infolgedessen werden seit dem 1.1.1979 weiße Welpen wieder in das Zuchtbuch eingetragen, dürfen aber nicht zur Zucht eingesetzt werden.

Trotz des neuen Tierschutzgesetzes, welches nun inzwischen seit gut 20 Jahren in Kraft ist, sieht man immer noch nicht sehr viele weiße Boxer. Viele Menschen haben überhaupt noch nie einen gesehen. Wie kann so etwas möglich sein, wenn doch bei einer Verpaarung, wo beide Eltern farbig, aber dabei weißerbig sind, nach den Mendelschen Gesetzen 25% Weiße fallen müssen (siehe Vererbung der weißen Farbe, Kap.2.1.)

   Dies ist damit zu erklären, dass viele Züchter nur solche Paarungen vornehmen, bei denen erst gar keine Weißen fallen. Ebenfalls ein großer Teil tötet sie immer noch direkt nach der Geburt mit dem Hinweis im Zuchtbuch, dass sie lebensschwach gewesen wären. Andere behaupten einfach, dass keine Weißen im Wurf gewesen wären.

   Einige von den Züchtern, die Weiße großziehen, beschränken dies aber nur auf die Hündinnen, weil sich Rüden zu Kryptorchiden entwickeln könnten, was die Mängelbelastung des Wurfes erhöhen würde.

   Im Schnitt werden nur 21% der Weißen, die laut Zuchtbuch geworfen wurden, großgezogen (Zuchtbücher des BK). Tatsächlich wird diese Zahl sicherlich noch etwas niedriger sein, weil man ja nicht genau weiß, wie viele Weiße direkt nach der Geburt verschwinden. (........) Das heißt, dass mindestens 52,5% der Weißen immer noch eliminiert werden.

   Die Zahl der Weißen, die in das Zuchtbuch eingetragen wird, nimmt allerdings seit 1979 kontinuierlich zu, wenn auch der Prozentsatz immer noch sehr klein ist, wie der nachfolgenden Statistik über die Anzahl weißer und farbiger zum Zuchtbuch gemeldeter Welpen von 1979 bis 1998 zu entnehmen ist.

   Die Weißen dürfen nicht, wie schon gesagt, zur Zucht eingesetzt und nicht auf Ausstellungen vorgeführt werden. Man kann aber mit ihnen Prüfungen ablegen und sie seit 1996 auch auf Siegerprüfungen des Leistungswesens führen. Schließlich dürfen auch Kryptorchide daran teilnehmen.

   Bei der Deutschen Jugendmeisterschaft 2000 konnte der weiße Boxerrüde Blanco v. Ochtenumdeich sogar den 3. Platz belegen (Zawatzki, 2. Deutsche Jugendmeisterschaft 2000 in Oldenburg, BB 7/2000, S.526).

   Die Farben beim Boxer werden nach den Mendelschen Gesetzen vererbt. Der Boxer hat in jedem Fall eine Grundfarbe, die entweder gelb oder gestromt ist, wobei gestromt dominant über gelb ist (Schleger, Hundezüchtung in Theorie und Praxis, 1986, S.197). Von der Grundfarbe unabhängig wird die weiße Farbe durch das Weißscheckungsgen weitergegeben, das die Grundfarbe in unterschiedlichem Maße verdrängt; wenig weiß ist dabei dominant über viel weiß (Schleger, S.199). Das Weißscheckungsgen wird autosomal rezessiv vererbt, wobei das Gen für Grundfarbe unvollständig dominant ist, so dass Hunde, die heterozygot sind, weiße Abzeichen haben (Burns und Fraser, Die Vererbung des Hundes, 1968, S.70). Wie ausgedehnt die weißen Abzeichen bei einem heterozygoten Tier sind, ist verschieden. Der Grund dafür ist noch nicht geklärt, man nimmt jedoch an, dass dies auf die Gegenwart modifizierender Gene zurückzuführen ist (Burns&Fraser, S.70). Auf jeden Fall ist das Weiß zuerst an Brust und Pfoten zu finden, dann an Bauch, Schnauze und Schwanzspitze. Wenn ausgedehntere weiße Abzeichen vorhanden sind, dann umfassen sie die Läufe und breiten sich um den Hals aus (Burns&Fraser, S.70).

   Die weiße Farbe beim Hund ist auf verschiedene biochemische Vorgänge zurückzuführen, d.h. es gibt verschiedene Ursachen, warum ein Hund weiß aussieht.

   Träger der Farbe ist das Pigment, dessen chemische Grundlage das Melanin ist. Das Melanin entsteht durch oxydative Reaktionen unter Mithilfe des Enzyms Tyrosinase aus der Aminosäure Tyrosin.

   Fehlt also eines der beiden Reaktionspartner, Tyrosin oder Tyrosinase, kann keine Färbung zustande kommen.

   Hunde, denen die Aminosäure Tyrosin fehlt, sind Albinos, denn sie können, selbst wenn die Tyrosinase vorhanden ist, kein Pigment ausbilden. Solche Hunde haben rote Augen, da der stark durchblutete Augenhintergrund durchscheinen kann.

   Ist keine Tyrosinase vorhanden, kann lediglich ein kleiner Teil des Tyrosins durch andere Mechanismen zu Melanin oxidiert werden. Dies ist aber auf das Auge beschränkt, so dass solche Tiere blaue Augen haben und ansonsten natürlich strahlend weiß sind.

   Welche biochemischen Mechanismen die Weißscheckung verursachen, ist bisher nicht bekannt. Man vermutet jedoch, dass ein lokal begrenzter Tyrosinasemangel für die weißen Abzeichen verantwortlich ist. (Schleger, Hundezüchtung in Theorie und Praxis, 1986, S.199)

   Auf gar keinen Fall jedenfalls sind die weißen Boxer Albinos, denn sie haben dunkle Augen, schwarze Nase und Lefzen und auf der ganzen Haut verteilt dunkle Pigmentflecken. Teilweise haben sie sogar große gelbe oder gestromte Platten.

   Ob die weißen Boxer anfälliger für Krankheiten und Allergien sind, ist nicht bewiesen und kann im Moment auch gar nicht untersucht werden, weil es dazu viel zu wenig weiße Tiere gibt. Aus eigener Erfahrung mit weißen Boxern kann gesagt werden, dass sie keineswegs kränker als farbige Boxer sind. Die älteste weiße Boxerhündin aus unserem Zwinger ist mittlerweile sechs Jahre alt und lebt in Südfrankreich, in einer Gegend also, wo die Sonneneinstrahlung besonders hoch ist. Dennoch hat sie keinerlei Hautprobleme.

   Diese eigene Erfahrung wird noch dadurch bestätigt, dass andere Rassen, die wie der weiße Boxer das Weißscheckungsgen haben, wie z.B. der Dalmatiner oder Bullterrier (Juraschko, Populationsgenetische Untersuchung der kongenitalen Taubheit beim Dalmatiner, 2000, S.25), auch nicht besonders krankheitsanfällig sind. Der Bullterrier gilt sogar als besonders widerstandsfähig (Burns&Fraser, Die Vererbung des Hundes, 1968, S.204).

   Der Dalmatiner hat eine Besonderheit im Purinstoffwechsel, wodurch er zu Harnsäuresteinen neigt. Diese Besonderheit hat aber keine andere Rasse. (Wegner, Kleine Kynologie, 1995, S.147)

   Ein zweiter Fehler des Dalmatiners sind die manchmal auftretenden blauen Augen, ein- oder beidseitig. Diese soll es auch gelegentlich bei weißen oder gescheckten Boxern geben (Dietz, 02.01.2001), während bei farbigen Boxern keine Blauäugigkeit bekannt ist (Rezewski, langjährige Zuchtleiterin im BK, 20.04.2001). Hunde mit blauen Augen sollen eindeutig häufiger Augenanomalien haben und taub sein (Wegner, Kleine Kynologie, 1995, S.247/248 und Juraschko, Populationsgenetische Untersuchung ..., 2000, S.100/101). Deshalb haben Dalmatiner mit blauen Augen Zuchtverbot. Ob allerdings das Gen für blaue Augen mit dem Weißscheckungsgen gekoppelt ist, wird an der Tierärztlichen Hochschule Hannover gerade untersucht. Zu der Taubheit bei Dalmatinern kommen wir im nächsten Kapitel.

   Beim Boxer wurde immer wieder versucht, die weiße Farbe herauszuzüchten, so z.B. in dem Zwinger Ben Satan von Dres. Menzel und in dem italienischen Zwinger Virmar. Die Boxer zeigten aber wegen der Abwesenheit von Weißträgern hohe Qualitätsverluste bezüglich der Vitalität, des Types, des Knochenbaus und der Farbe (Bosi, Die Farben vom Boxerfell und Brinkmann, Weißerbigkeit, BB 12/1996, S. 966), so dass diese Versuche aufgegeben wurden.

   Es hält sich standhaft der Glaube unter den Boxerfachleuten, dass die weißen Boxer taub und blind wären, wenn auch nicht alle, so doch der größere Teil. Warum dies so sein soll, wird nirgends erläutert, man soll einfach akzeptieren, dass es so ist. Außerdem bräuchte man sich nur den Dalmatiner anschauen, dann sähe man, dass es wirklich so ist. Denn jeder muss zugeben, dass der Dalmatiner erstens das Weißscheckungsgen, wie auch der Boxer, hat und zweitens ein nicht geringer Prozentsatz dieser Rasse taub ist.

   Nun wies Hirschfeld aber schon 1956 durch Testpaarungen nach, dass Taubheit und weißes Fell, wenn überhaupt, keineswegs eng miteinander gekoppelt zu sein brauchen (Burns&Fraser, Die Vererbung des Hundes, 1968, S.101).

   Dies wurde jetzt in einer Dissertation, die im Jahr 2000 an der Tierärztlichen Hochschule Hannover geschrieben wurde, bestätigt. Dazu wurde mit Hilfe von Varianzkomponentenschätzung und komplexen Segregationsanalysen Hörtestergebnisse von Dalmatinern analysiert. Dabei wurde unter anderem die Beziehung zwischen dem Merkmal kongenitale, sensorineurale Taubheit und Fell- und Augenfarbe, Vorhandensein von Platten, Geschlecht, und dem Inzuchtkoeffizienten untersucht. Als Ergebnis kam heraus, dass das Allel sw, das in der Rasse Dalmatiner genetisch fixiert ist, nicht für die kongenitale, sensorineurale Taubheit verantwortlich gemacht werden kann (Juraschko, Populationsgenetische Untersuchung der kongenitalen Taubheit beim Dalmatiner, 2000, S.105), d.h. die Taubheit wird beim Dalmatiner unabhängig von der weißen Farbe vererbt. Es ist aber eine signifikante Assoziation zwischen dem Auftreten von blauer Augenfarbe und kongenitaler, sensorineuraler Taubheit gefunden worden (Juraschko, S. 100/101). Die Blauäugigkeit aber geht mit Anomalien des Sehorgans, nämlich des Augenhintergrundes, einher (Wegner, Kleine Kynologie, 1995, S.248).

   Es spricht sehr viel dafür, dass es sich auch bei den Boxern ähnlich verhält. Außerdem haben die englischen Bulldoggen, von denen, wie schon im ersten Kapitel gesagt, der Boxer das Weißscheckungsgen geerbt hat, keine Gehörprobleme (Preston, Geschäftsstelle des ACEB, 14.01.2001), obwohl bei dieser Rasse mit viel weiß gezüchtet wird. Schon von daher mutet es einen sehr seltsam an, warum der weiße Boxer, der ja ein Nachkomme der englischen Bulldogge ist, Gehörprobleme haben soll. Bei weißen Boxern mit blauen Augen ist aber zu vermuten, dass sie möglicherweise wie die blauäugigen Dalmatiner Probleme mit Augen und Ohren haben.

   
Quelle: http://www.wuff.at

 
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